Posted in: Sterne 5. Dezember 2011 14:15 Weiter lesen →

Der schnellste Stern-Kreisel

Bild zeigt zahlreiche bläuliche und orangefarbene, unterschiedlich große Sterne vor dem Hintergrund eines hellen Nebels Europäische und amerikanische Astronomen haben einen Stern entdeckt, der sich schneller um die eigene Achse dreht als alle anderen bekannten Sterne. In der Äquatorregion des Gestirns liegt die Drehgeschwindigkeit bei mindestens 600 Kilometern pro Sekunde – und damit hart an jenem Wert, bei dem die Fliehkraft über die Schwerkraft siegen und der Stern an Masse verlieren würde.

Bild: ESO/M.-R. Cioni/VISTA Magellanic Cloud survey. Acknowledgment: Cambridge Astronomical Survey Unit

Damit nicht genug, bewegt sich der Stern deutlich schneller durch das All als seine Nachbarsterne, ermittelten die Forscher um Philip Dufton von der Queen’s University Belfast. Beide Faktoren ließen vermuten, dass der rasende stellare Kreisel eine bewegte Vergangenheit habe, schreiben die Forscher im Fachblatt „Astrophysical Journal Letters“.

Der massereiche und helle Stern liegt in der Nachbargalaxie der Milchstraße, der rund 160.000 Lichtjahre entfernten Großen Magellanschen Wolke. Die Astronomen nutzten eines der europäischen Großteleskope in Chile, um mit dem Tarantelnebel ein ausgedehntes Sternentstehungsgebiet in dieser Galaxie zu studieren. Im Fall eines Sterns zeigte das Lichtspektrum anstelle scharfer Linien besonders stark verbreiterte Linien. Das Phänomen lässt sich durch den Dopplereffekt in rasch auf den Beobachter zu- und wieder von ihm wegrotierendem Material erklären.

Anhand der Stärke des Effekts schätzen die Forscher, dass sich das Gas in den äußeren Schichten des VFTS 102 genannten Sterns mit einer Geschwindigkeit von mehr als 600 Kilometern pro Sekunde bewegt – rund 300 Mal schneller als der Äquatorgürtel der Sonne. Zudem eilt der Stern mit einer Geschwindigkeit von etwa 228 Kilometern pro Sekunde durch das All und ist damit rund 40 Kilometer pro Sekunde schneller als seine Geschwister in der Sternentstehungsregion.

Bereits früher waren in der Nähe des rasenden Sterns die Überreste einer Supernova-Explosion und mit einem Pulsar auch die wahrscheinlich zugehörige Sternleiche entdeckt worden. Dufton und Kollegen vermuten nun, dass der rasende stellare Kreisel einst ein Doppelsystem mit dem später explodierten Stern bildete. Dieser könnte vor seinem furiosen Ende Material und damit auch Drehimpuls auf seinen Partner übertragen und ihn damit wie einen Kreisel angepeitscht haben. Als er schließlich explodierte, könnte er seinem Partner zusätzlich einen regelrechten Tritt verpasst haben. „Dieses Szenario würde sehr gut zu all den ungewöhnlichen Eigenschaften des Sterns und seiner Umgebung passen“, so Dufton.

Forschung: Philip L. Dufton und Paul R. Dunstall, Astrophysics Research Centre, School of Mathematics and Physics, Queen’s University Belfast; Ines Brott, Institut für Astronomie, Universität Wien; Norbert Langer, Argelander-Institut für Astronomie, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; und andere

Veröffentlichung Astrophysical Journal Letters, Vol. 743, L22, DOI 10.1088/2041-8205/743/1/L22; Preprint arXiv:1111.0157

WWW:
Hot Massive Stars, ARC Belfast
VLT-FLAMES Tarantula Survey
30 Doradus – The Tarantula Zone
Using Spectra to Derive Motions

Lesen Sie dazu im Scienceticker:
Stellare Zeitbomben
Kreiselstern verliert Hüftspeck

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